Nachhaltigkeit beim Umgang mit Textilien ist ein Dauerbrenner, wenn man die Umwelt und den Geldbeutel schonen will. Das Wissen um die Herstellung der Fasern für unsere textilen Begleiter verschwindet zunehmend und mit ihm auch das Wissen und das Handwerk für ihre Pflege und Erhaltung. Ganz zu schweigen von der Möglichkeit zur künstlerischen Aufwertung.
Karen von feuerwerk by KaZe hat uns eingeladen, uns (wieder) mit "Altem in Neuem" zu beschäftigen. Ihr Inspirationsbeitrag ließ mich kurzfristig daran denken, ein Kleidungsstück aus meiner Zeitschrift von 1962 zu fertigen. Bei Durchblick der Modelle schien mir die "Taillenlinie" allerdings nicht mehr ganz angemessen (hust) und ich nahm davon Abstand.
Dann fiel mir die Anleitung und ein Probestück für eine alte Handwerkstechnik in die Hände, die sie erwähnte, und das wurde mein heutiges Projekt: Nadelbinden.
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ein Musterstück aus einem Anfänger Workshop
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Nadelbinden ist eine alte Technik, mit der man aus Fasern in einer Schlingentechnik textile Flächen herstellt, die direkt als Kleidungsstücke wie Mützen, Handschuhe, Netze etc. gearbeitet werden oder auch als Taschen und Decken zusammengefügt werden können. Nadelbinden wird als Vorläufer des Strickens und Häkelns angesehen.
Man kann pflanzliche und tierische Fasern gleichermaßen verwenden, die nur abschnittweise gesponnen oder gekordelt werden müssen. Als Nadel dient eine 8-10cm lange, flache und stumpfe Nadel aus Holz oder früher auch aus Horn bzw. Knochen.
Die angewendete Schlingentechnik ähnelt dem Sticken eines Festonstiches, nur ohne Stoffunterlage, freihand gearbeitet. Im einfachsten Fall arbeitet man eine Netzstruktur, es gibt jedoch eine große Vielfalt an komplizierteren Stichen, je nach Ursprungsregion und Schlingentechnik (ein Blick auf die Wikipediaseite lässt erahnen, wie weit verbreitet diese Technik früher war).
Mein Musterstück hatte ich damals aus Wolle gearbeitet, was mich schon zwei Dinge gelehrt hat: 1. es ist eine ziemlich langwierige Angelegenheit, eine Stück in dieser Technik zu schaffen und
2. man kann nicht endlos arbeiten, also nicht vom Knäuel. Da man den Faden wie beim Sticken immer in ganzer Länge durch die vorhergehende Schlinge ziehen muss, arbeitet immer nur in armlangen Stücken, die man dann immer wieder ansetzen muss. Bei Wolle als Material bedeutet das: gesponnenes Garn am Ende aufdröseln, mit dem neuen Faden verdrehen und dann verfilzen. Sehr mühsam!
Wolle als Material fiel also aus und das Projekt sollte überschaubar bleiben. Meine Wahl fiel schließlich auf ein neues Netz für meine Knoblauchknolle, die in der Küche (noch im Plastiknetz) hängt aus Leinengarn, das ich von einer Freundin geerbt hatte.
Bei der Suche nach einer Anleitung für eine Netzbindung blieb ich bei Sally Pointers Kanal hängen, die Netze aus Bast fertigt. Dazu dreht sie die einzelnen Baststreifen zu Kordeln, was ich mit meinem Leinengarn auch tun musste. Noch eine alte Technik: das Drehen von Kordeln von Hand.
Eigentlich ziemlich simpel: man hat zwei Stränge in der rechten Hand, die man gegeneinander verdreht. Man nimmt einen Strang zwischen Daumen und Zeigefinger und den anderen zwischen Ring- und kleinen Finger und kreuzt sie ein Mal übereinander. Dann dreht man den oberen Strang, den zwischen Daumen und Zeigefinger, von sich weg - nach hinten - mit ein paar Umdrehungen, hält das fest und schlägt dann den zweiten, unteren Strang von hinten nach vorne unter den oberen. Damit kreuzt man die beiden Stränge und der untere wird zum oberen. Jetzt wechselt man die Finger und dreht den oberen, neu gefassten Strang wieder ein paar Umdrehungen nach hinten und kreuzt den neuen, unteren wieder von hinten nach vorne unter den oberen. Und so weiter. (ein Video dazu findet man bei Sally Pointer hier) Ich hatte mit zweifädigem Leinengarn begonnen, nur um festzustellen, dass das gekordelte Garn zu schwach war und sich beim ständigen Durchziehen auflöste. Dann bin ich auf 3-4 Fäden pro Strang umgestiegen, was sehr viel stabiler war. Nachdem ich eine Armlänge gekordelt hatte, konnte es mit einem Ring und Festonschlaufen losgehen. Ambitioniert wie ich war, habe ich gleich eine doppelte Schlinge eingesetzt, die schon bald ein drehendes Eigenleben entwickelt hat.
Also fügte ich in der zweiten Reihe eine einfache Schlinge an und habe insgesamt immer wieder zwischen den Schlingen gewechselt.
Auch das Ansetzen von neuen Fäden war einfacher als mit Wolle, weil ich die Fäden einfach überlappend mit einarbeiten konnte statt sie verzwirbeln und verfilzen zu müssen.
Inzwischen war mein Knoblauch vertrocknet und ich habe als Abschlussbild Zwiebeln zur Demonstration genommen. Der Beutel ist ziemlich klein geworden und durch das Leinengarn auch nicht ganz locker. Trotzdem ist das Nadelbinden eine gemütliche Handarbeit, die man gut am Abend auf dem Sofa machen kann.
Dass man das Kordeln auch mit dünneren Stoffstreifen aus Baumwolle machen kann, habe ich früher schon einmal ausprobiert. Im Ergebnis bekommt man dann natürlich eine dickere Kordel, die Technik ist die gleiche. Ich habe sie dann als Geschenkband verwendet.
Auch aus 7mm breiten Jeanssstreifen habe ich schon einmal versucht, ein Kordelnetz herzustellen.
Das Kreuzen der Richtungen war nicht so schwer, aber was ich mit den Enden anfangen soll, weiß ich bis heute noch nicht. Ein Experiment eben, das die Hände beschäftigt hielt und ganz gut in die Stoffspielerei-Liste passt.
Nun kann ich meinen späten Beitrag doch noch zur Gastgeberin Feuerwerk by KaZe abschicken und mir die anderen "aus Alt mach Neu" Ideen bei den Mitspielerinnen anschauen. Gleich danach wartet schon die nächste Handarbeit: English paper piecing im Mai.
Auch eine schöne Gartenbank-Tätigkeit.
Die Stoffspielereien
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für alle, die mit Stoff und Garn etwas Neues probieren wollen. Es geht
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Stoffspielerei-Termine 2026:
31.05.2026: „Englisch Paper Piecing“ bei 123-Nadelei
28.06.2026: „Tierisches“ bei zwisch-en-durch
Juli und August: Sommerpause
27.09.2026: „Die Kunst des Weglassens“ bei Tyche's Touch
25.10.2026: „Schablonieren“ bei Siebensachen zum Selbermachen
29.11.2026: „Teppiche“ bei made with Blümchen
Dezember: Winterpause
Toll, dass du genau diese Technik zeigst. Für mich ein komplett unbekanntes Feld und ich finde auch, dass es sehr raffiniert aussieht, auch wenn du schreibst es wäre einfach. Sehr faszinierend finde ich es mit den Jeanssträngen. Beim Arbeiten muß man eigentlich schon die Anwendung im Kopf haben, oder? Man könnte Flächen schaffen und Körper.Spannend!
AntwortenLöschenDanke für deinen Beitrag!
Freundlich eingebundene Grüße, Karen
Beim Vernetzen der Stränge muss man immer wieder welche stilllegen und andere hinzufügen. Eine Lösung für die Ränder hatte ich aber nicht. Das ganze Teil hat dann auch eine Tendenz zum Verdrehen, was die tägliche Anwendung erschweren würde. Eine Skulptur ist eine gute Idee. Danke.
LöschenSehr interessant! Ich habe mir das Video angeschaut und finde diese Kordeltechnik sehr praktisch! Danke das Du recherchiert, diese alte Technik ausprobiert und gezeigt hast! Liebe Grüße!
AntwortenLöschenDas Kordeln macht Spaß, auch wenn man es nicht für‘s Nadelbinden braucht. Und schmale Stoffstreifen bleiben immer wieder übrig.die kann man mit einer Schlitztechnik verbinden, die ich aber nicht gezeigt habe.
LöschenIch finde es immer wieder interessant, dass Nadelbinden als Vorgänger des Strickens und Häkelns bezeichnet wird, weil mit dieser Technik früher Dinge hergestellt wurden, die wir heute Stricken oder Häkeln würden (Sochen und Handschuhe). Technisch erinnert mich Nadelbinden viel mehr an Nadelspitze.
AntwortenLöschenDie Videos von Sally Pointer sollte ich mir auch dringend mal anschauen!
Das stimmt, es fühlt sich eher wie sticken ohne Stoff an. Socken zu fertigen geht halt mit stricken schneller als mit nadelbinden.
LöschenNadelbinden - der Begriff war mir bekannt, hatte jedoch keine Ahnung, wie man das macht. Dass es mühsam ist und man nur langsam voran kommt, sehe ich. Verständlich, dass du ein kleines Projekt gewählt hast. Das Verdrehen der Ausgangsfäden habe ich mir angeschaut und sehe eine ziemlich Ähnlichkeit zu Zwirnen, das mir als Spinn-Novizin natürlich bekannt ist. Sehe ich das richtig, dass das hauptsächlich zur Verstärkung des Fadens dient?
AntwortenLöschenaAnke, dass du uns einen Einblick in diese alte Technik gegeben hast.
LG
Beate
Das Zwirnen ist sicher notwendig, um die Fäden besser miteinander ansetzen zu können. Bei einem einfädigen Garn müsste man knoten, denke ich. Ich habe damals einen kurzen Workshop mit der Daumenfangtechnik gemacht, das war mir aber zu aufwändig für die Stoffspielerei. LG
LöschenVon Nadelbinden hatte ich schonmal etwas gelesen, aber sehr spannend, was du zur Technik erzählst. Ich hatte immer gedacht, dafür kann man einfach Garn nehmen, eben wie beim Häkeln oder Stricken. Erst noch Garn verzwirnen, das klingt nach insgesamt viel Aufwand.
AntwortenLöschenLiebe Grüße Gabi
Das Arbeiten mir einem fortlaufenden Garn ist man ja inzwischen gewohnt. Immer wieder neu ansetzen zu müssen eine interessante Erfahrung, auch mit der eigenen Geduld. Früher hatte man sicher mehr davon und vermeintlich mehr Zeit in den dunklen Stunden und Monaten. LG
LöschenLiebe Elvira, Nadelbinden habe ich mir auch schon einmal vorgenommen und schreckte dann vor dem häufigen Zusammenfügen der Fäden ab. Du beschreibst die möglichen Methoden genau - scheint mir aber immernoch sehr mühsam. Freilich ist die Technik sehr alt, vielleicht standen ohnehin nur kurze Pflanzenfasern zur Verfügung.
AntwortenLöschenDanke für die Erklärungen, liebe Grüße von Tyche
Man konnte früher auch schon fortlaufende Garne spinnen, einfache Spindeln gab es und zum Weben brauchte man das sowieso. Ich denke, es hat sich aus dem Nähen von Netzen und Beuteln zu flächigen, dichteren Geweben entwickelt. Ganze Pullover habe ich noch nicht entdeckt. LG
Löschendein nadelbinden um die zwiebel sehr hübsch ! finde es prima dass du soviele verschiedene materialen verwendet hast um uns diese besondere technick zu beschreiben * es erinnert mich etwas an macramé knoten mit der hand aber bei dir mit einer nadel ? da muss man üben !
AntwortenLöschenliebe grüsse
mo
Ein Netz zu knüpfen ist schön und praktisch. Für Kleidungsstücke bevorzuge ich doch das Häkeln oder Stricken. Auch das Arbeiten mit pflanzlichen Fasern ist eine schöne Abwechslung und macht mich aufmerksamer und dankbarer für die Umwelt. LG
LöschenDiese Technik habe ich noch gar nicht wahr genommen, auch nicht in historischen Anleitungen. Dein Jeansbeispiel ist vielversprechend und erinnert mich an Einkaufsnetze wobei das andere Knoten sind. Es ist immer spannend, eine unbekannte Technik zu ergründen.
AntwortenLöschenLG Ute
Ich bin vor Jahren(zehnten) mal darüber gestolpert, hatte mich auch schon öfter gefragt, wie man im Mittelalter wohl Kleidung hergestellt hat. Weben kennen wir ja, aber es gibt eben auch andere Traditionen, die man gut „modernisieren“ kann, wie man sieht. LG
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